Pía Figueroa nahm am Europäischen Humanistischen Forum, das kürzlich in Madrid stattfand, als Referentin in der Arbeitsgruppe “Unabhängiger Journalismus und sozialer Aktivismus” teil. Pía ist Co-Direktorin der Internationalen Presseagentur Pressenza, die sich den Nachrichten über Frieden und Gewaltfreiheit widmet. Sie ist Humanistin mit einer langen Karriere und Autorin mehrerer Monographien und Bücher.

Was ist dein Eindruck vom Europäischen Humanistischen Forum?

Ich habe den Eindruck, dass ich zwischen gestern und heute in einer ungeheuer paradoxen Zeit lebe. Gestern haben wir darüber gesprochen, wie oft wir einer nuklearen Explosion sehr nahe waren, viel näher als je zuvor. Auf der anderen Seite sprach Antonio Carvallo im Bereich der Menschenrechte über die Zahl der Engländer, die in den letzten Jahren gestorben sind, weil sie keine rechtzeitige medizinische Versorgung erhalten haben. Wenn das in England passiert, stellen Sie sich vor, wie viele es in Afrika gibt!

Auf der einen Seite gibt es große Risiken und die Bevölkerung hat keinen Zugang zu den Grundbedürfnissen, auf der anderen Seite sind enorme Bewegungen entstanden, die es geschafft haben, viele Menschen für den Aufbau einer gerechteren und solidarischeren Gesellschaft zu gewinnen.

In Bezug auf die unabhängigen Medien, welche Rolle sollten sie deiner Meinung nach bei der sozialen Transformation spielen?

Das gleiche Paradoxon, über das wir gesprochen haben, kommt in den Medien vor. Auf der einen Seite sehen wir Informationen, die durch das Großkapital und durch wirtschaftliche Interessen manipuliert werden, ich denke da an die berühmten gefälschten Nachrichten, die nichts anderes als Medienmanipulation sind. Auf der anderen Seite gibt es seit 2010 – 2011 eine wachsende Entwicklung der neuen Medien. Jede Kleinstadt hat ihre eigenen Medien, ihr eigenes Radio, ihre eigene Website, ihre eigenen elektronischen Medien, ihren eigenen Streaming-Kanal, Millionen von Autoren haben ihren eigenen Blog. Das sind Medien, die nicht vom Großkapital manipuliert werden, und doch gibt es sehr viele soziale Aktivisten und Freunde, manchmal sogar mit der gleichen Ideologie, die danach streben, von den traditionellen Medien und nicht von den neuen unabhängigen Medien abgedeckt zu werden.

Ich habe viele Gespräche mit meinen Aktivisten-Freunden geführt, und sie alle streben danach, von der weltgrößten systemorientierten Fernsehsender und nicht von den neuen Nachrichtenagenturen abgedeckt zu werden. Die Pressesprecher der revolutionärsten Führer senden ihre Pressemitteilungen an CNN, aber nicht an die unabhängigen Medien. Es ist paradox; wir glauben nicht an diese Medien, aber unser Ansehen ist dort angesiedelt. Wir haben neue Medien aufgebaut, die wir alternativ nennen, weil wir Informationen unterschiedlich behandeln, wir sind originalgetreu, wir ändern kein Komma, und doch haben wir nicht die Glaubwürdigkeit der Medien, die alle Informationen manipulieren und dem, was Journalisten an der Basis erzeugen, keinen Raum geben.

In diesem Widerspruch bewegen wir uns täglich, in Bezug auf Informationen. Bis wir die Art und Weise ändern, wie wir glauben, bis wir aufhören, an das System in unseren Köpfen zu glauben, unterstützen wir es.

Jetzt, da Pressenza 10 Jahre alt ist, habe ich angefangen, an einige meiner besten, lebenslangen humanistischen Freunde zu schreiben und sie zu fragen: seid ihr bei Pressenza registriert? Erhaltet ihr unsere News täglich? Sie sagten zu mir: “Oh! Nein, ich unterstütze es finanziell, aber es lesen?! Warum sollte ich, wenn du schreibst, was ich bereits denke?”

Nein, das stimmt nicht! Wir berichten über soziale Bewegungen, wir sind die Stimme des Neuen, wir veröffentlichen die Fotos, die niemand sonst veröffentlicht, wir bringen die Träume eines anderen Gesellschaftsmodells zur Welt. Es reicht nicht, dass wir Freunde sind. Abonniert! Abonniert!

Es ist sehr schwierig, eine Nachrichtenagentur für Frieden und Gewaltlosigkeit in einer so gewalttätigen Welt zu sein. Wir mögen Drama, wir mögen den Hauch von permanenter Gewalt, den wir in den Medien sehen. Was ist die Veränderung, die wir anstreben? Wir streben danach, etwas nicht zu glauben, eine andere Geschichte zu generieren, gewaltfreie Nachrichten wirklich zu mögen, Nachrichten, die Informationen anders behandeln, dass ein kultureller Wandel stattfinden wird, wenn Bewegungen und Medien kommunizieren können, dass es eine andere Lebensweise gibt.

Für mich ist das die Konstruktion dieser Ära, die Konvergenz der neuen Medien mit neuen sozialen Bewegungen.

Was können wir sofort tun?

Was man sofort machen kann? Es scheint mir, dass wir alle hier bereits zusammenarbeiten, wir sind Partner in den gleichen Kämpfen. Pressenza verfügt über ein Netzwerk von fast 400 angeschlossenen Medien und Bewegungen, und vor einem Jahr haben wir in Barcelona eine Konferenz abgehalten, bei der wir uns darauf geeinigt haben, eine Art “Medienbox” zu machen, einen Ort, an dem jede Bewegung Informationen hinterlassen kann und alle Medien Informationen nehmen können, eine Art Agentur von Agenturen.

Mein Vorschlag ist diese Idee wieder aufzugreifen, die neue Agentur zu einer Art zusammenarbeitende Medien zwischen allen unabhängigen Medien zu machen. Es geht darum, Kräfte zu bündeln angesichts eines paradoxen Moments, in dem alles Alte gegenwärtiger ist als zuvor, mit seiner enormen Gewalt und doch versucht das Neue zu entstehen, ohne dass wir noch genügend daran glauben.

Übersetzung aus dem Englischen von Lorenzo Molinari