Einführung in das Humanistische Forum durch den Gründer der Humanistischen Bewegung

Liebe Freunde,

Das Humanistische Forum hat zum Ziel, die globalen Probleme der heutigen Welt zu studieren und seine Position diesbezüglich festzulegen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet handelt es sich um eine kulturelle Organisation im weitesten Sinne, die sich darum kümmert, die Ereignisse in der Wissenschaft, in der Politik, der Kunst und der Religion strukturell zueinander in Beziehung zu setzen. Das Humanistische Forum macht sich die Gewissensfreiheit und die ideologische Unvoreingenommenheit als unerlässliche Voraussetzung für die Arbeit am Verständnis der komplexen Phänomene der heutigen Welt zu eigen.

Das Humanistische Forum hat meines Erachtens die Absicht, zu einem Instrument der Information, des Austausches und der Diskussion zwischen Personen und Institutionen aus den verschiedensten Kulturen der Welt zu werden. Darüber hinaus hat es im Sinn, als Arbeitsmodalität eine ständige Aktivität zu entwickeln, so dass jede wichtige Information unter seinen Mitgliedern unmittelbar kursieren kann.

Man könnte sich fragen, ob verschiedene der heute bestehenden Institutionen diese Aufgabe nicht erfolgreicher übernehmen könnten, wenn man von ihrer Erfahrung, ihren finanziellen Möglichkeiten und ihren personellen und technischen Mittel ausgeht. So könnte man folgerichtig meinen, dass man in den gesellschaftsnahen Universitätseinrichtungen, in den privaten und öffentlichen Stiftungen bis hin zu den kulturellen Organismen der Vereinten Nationen angemessene Bereiche findet, die umfangreiche Studien in Angriff nehmen und von diesen ausgehend die Schlussfolgerungen verbreiten könnten, sofern sie von Nutzen wären. Wir schließen die Zusammenarbeit und den Austausch mit den verschiedenen Einrichtungen nicht aus, aber wir brauchen eine große Unabhängigkeit, eine große Urteilsfreiheit sowohl in der Formulierung der Fragen wie auch in der Festlegung der Interessenbereiche, und das ist im Falle der Institutionen, die ihre Eigendynamik und auch ihre materielle und ideologische Abhängigkeiten haben, nicht so einfach.

Das Humanistische Forum möchte die Grundlagen für eine zukünftige globale Diskussion schaffen. Aber es darf die Beiträge, die bis heute von verschiedenen Denk- und Aktionsströmungen gemacht wurden, nicht a priori disqualifizieren, und zwar unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg, den ebendiese Strömungen in der Praxis hatten. Es wird von größtem Interesse sein, die unterschiedlichen Ansichten in Betracht zu ziehen und zu verstehen, dass sich in dieser entstehenden planetarischen Zivilisation die Vielfalt von Positionen, Wertvorstellungen und Lebensstile trotz der heftigen Angriffe der uniformierenden Tendenzen durchsetzen werden. In diesem Sinne streben wir eine universelle menschliche Nation an, die allerdings nur dann möglich sein wird, wenn die Vielfalt existiert. Eine zentrale Vormachtstellung über die Peripherien wird sich nicht aufrechterhalten lassen, ebenso wenig ein Lebensstil, ein System von Wertvorstellungen, ein ideologischer oder religiöser Glaube, der sich auf Kosten des Verschwindens anderer durchsetzt. Wir sehen heute schon, wie der Zentralismus zu sezessionistischen Antworten führt, weil er die wirkliche Identität der Völker und Regionen nicht respektiert, die einwandfrei in einer wirklichen Föderation von Gemeinschaften zusammenfließen könnten. Wir sollten nicht glauben, dass wirtschaftliche Kontrolle Wunder erzeugen könnte. Oder gibt es immer noch Leute, die glauben, dass, um Entwicklungskredite zu gewähren, zunächst, Staatsreformen, dann Gesetzesreformen, dann Reformen der Produktionsweise, später der Sitten und gesellschaftlichen Bräuche und ferner der Kleidung, der Essgewohnheiten, der Religion und der Denkweisen gemacht werden sollen?  Dieser naive Absolutismus hat immer größere Schwierigkeiten, sich durchzusetzen, und im Falle des oben erwähnten Separatismus trägt er zur Verhärtung und Radikalisierung der Positionen in allen Bereichen bei. Wenn es tatsächlich möglich wäre, mittels der Diktatur des Geldes zu einer idealen Gesellschaft zu gelangen, so wäre dieses Thema einer Diskussion wert. Wenn aber der Weg zu einer dekadenten Gesellschaft, die weder den Individuen noch der Gesamtheit einen Sinn bietet, es außerdem erforderlich macht, einen menschlichen Rückschritt in Kauf zu nehmen, brauchen wir uns über die Zunahme der Unordnung und des allgemeinen Leidens nicht zu wundern.

Das Humanistische Forum darf die Richtlinie der Vielfalt nicht verlieren, es darf die verschiedenen Kulturen nicht von einer primitiven zoologischen Sichtweise aus betrachten, gemäß der die eigene Kultur der Höhepunkt der Evolution darstellt, die von anderen nachgeahmt werden sollte. Es wird viel wichtiger sein, zu verstehen, dass alle Kulturen ihren Beitrag zum großartigen menschlichen Werk liefern. Das Humanistische Forum muss jedoch seine minimalen Bedingungen festlegen. Die erste ist, dass es jenen Strömungen keine Gelegenheit zur Beteiligung geben darf, welche die Diskriminierung oder die Intoleranz fördern. Die zweite ist, dass es jenen Strömungen keine Gelegenheit zur Beteiligung geben darf, die für die Gewalt als Methode eintreten, um ihre Vorstellungen oder Ideale durchzusetzen, selbst wenn diese noch so hochstehend sein sollten … Neben diesen Einschränkungen gibt es keinen Grund für weitere.

Das Humanistische Forum ist internationalistisch, aber heißt das, dass es wegen seines ökumenischen Charakters die regionalen und örtlichen Gegebenheiten ausschließt? Wie könnte man jemanden ausschließen, nur weil er sein Volk, seine Erde, seine Bräuche, seine Leute und seine Traditionen liebt? Könnten wir ihm einfach das Schild »Nationalist« umhängen, um ihn dann außer Acht zu lassen? Denn seine eigenen Wurzeln lieben heißt, auch großzügig die Arbeit und das Leiden der vorhergehenden Generationen zu betrachten. Dieser »Nationalismus« wird erst dann verdreht, wenn die eigene Selbstbehauptung auf Kosten der Anerkennung der anderen Gemeinschaften und Völker geht. Mit welchem Recht könnte dieses Forum die Beiträge derer außer Acht lassen, die sich als Sozialisten empfinden und darunter das Ideal einer egalitären und gerechten Gesellschaft verstehen? Was sollten wir zurückweisen, wenn nicht eines der zahlreichen möglichen Modelle, in dem dieses Ideal durch die Errichtung einer uniformierenden Tyrannei entstellt wurde? Weshalb sollte dieses Forum jenen Liberalen zurückweisen, der sein Wirtschaftsmodell als ein Instrument zum Wohlstand aller, und nicht nur einiger weniger, betrachtet? Sollte dieses Forum die Gläubigen oder die Atheisten aufgrund ihrer jeweiligen Auffassungen zurückweisen? Könnte dieses Forum die Überlegenheit einiger Gebräuche über andere hervorheben? Ich glaube, die einzigen Beschränkungen dürfen allein die beiden vorher genannten sein. So stellt sich dieses Forum gegenüber der menschlichen Vielfalt in einem einschließenden und nicht in einem ausschließenden Sinne vor.

Ich muss mich in meinem Vortrag leider beschränken. Deshalb möchte ich lediglich ein paar Themen erwähnen, über die wir alle ein klares Verständnis gewinnen möchten und bezüglich derer wir die beste praktische Aktionsform finden müssen. Diese Themen sind meines Erachtens: wachsender Rassismus und Diskriminierung; die zunehmende Einmischung so genannter Friedensorgane in die inneren Angelegenheiten der Länder; die Manipulation der Menschenrechte als Vorwand zur Intervention; die Wahrheit über den Zustand der Menschenrechte in der Welt und in jedem Land; die weltweite Zunahme der Arbeitslosigkeit; die Zunahme der Armut in verschiedenen Regionen und selbst in weiten Sektoren der Wohlstandsgesellschaften; die zunehmende Verschlechterung des Gesundheits- und Bildungswesens; die Tätigkeit der separatistischen Kräfte; der Zuwachs der Drogensucht und des Selbstmordes; die religiöse Verfolgung und die Radikalisierung von religiösen Gruppen; die psychosozialen Phänomene von Gemütsstörungen und Gewalt; die nach wirklichen Prioritäten geordneten Gefahren der Umweltzerstörung. Das Forum beabsichtigt auch, eine klare Vorstellung über das Phänomen der Destrukturierung zu erreichen, die in den sozialen und politischen Gruppierungen angefangen hat und mittlerweile die zwischenmenschlichen Beziehungen, die kulturelle Gliederung und jedes gemeinsame Projekt von menschlichen Gruppen beeinflusst.

Andererseits möchte ich diejenigen, die die verschiedenen Arbeitsbereiche in Gang setzen werden, darauf hinweisen, dass dieses Forum keine komplexe Organisation erfordert, sondern vielmehr eine Anregung für den Kontakt und den Informationsaustausch; dass es keine finanziellen Mittel braucht, um funktionieren zu können, und dass das finanzielle Problem für eine Gruppierung dieser Art nicht ausschlaggebend sein wird. Daneben wird es mit einem regelmäßigen Informationsmedium eher im Stile eines Bulletins als einer Zeitschrift ausgestattet sein müssen; es wird wohl Personen und Institutionen in Beziehung setzen können, die gemeinsam etwas erzeugen können, die aber aufgrund der Entfernungen voneinander bisher daran gehindert werden. Und schließlich wird es über ein flinkes Übersetzerteam verfügen müssen. Eine Arbeitsgruppe könnte vielleicht das Weltzentrum für Humanistische Studien ins Leben rufen, was zur Beständigkeit der Aktivitäten und zur Terminierung der anstehenden Aufgaben je nach Prioritäten beitragen kann.

Ich grüße die Mitglieder dieses Forums brüderlich und bekräftige meine besten Wünsche für die Verwirklichung der Arbeiten, die heute begonnen werden.

Moskau, 7. Oktober 1993